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Entwicklung der Kirche «Statistiken sagen nur die halbe Wahrheit»

Synodalrat Erich Huber an einem kirchlichen Anlass: «Wir sind mit unseren Angeboten vielfältig aufgestellt.» | Foto: Susanne Seiler

Die sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen zeichnen ein düsteres Bild. Für Erich Huber, Pfarrer und Synodalrat der Reformierten Kirche Solothurn, ist dies nur die halbe Wahrheit. In den Gemeinden erlebt er es anders.

12.06.2024 | Interview von Tilmann Zuber mit Synodalrat Pfr. Erich Huber

Erich Huber, die Zahl der Kirchenaustritte steigt. Was ist in den letzten Jahrzehnten passiert?

Wenn man den Statistiken und den Medien glaubt, gibt es eine starke Bewegung weg von den Kirchen. Wenn man, wie ich, noch aktiv in der Kirche ist, ist diese Entwicklung nicht so offensichtlich. Das Gemeindeleben hat nach wie vor keinen Einbruch erlitten, weder bei den Gottesdiensten noch bei den Veranstaltungen. Die Gottesdienste sind nach wie vor gut besucht. Natürlich kann das regional unterschiedlich sein.

Aber die Gesellschaft hat sich doch verändert, auch in Bezug auf die Kirchen?

Ja, akzentuiert durch Corona. Was sich verändert hat, sind die Rituale: Die Zahl der kirchlichen Trauungen ist stark zurückgegangen. Dafür bieten die Standesämter heute auch Trauungen an Samstagen, was von den Brautpaaren zunehmend genutzt wird. Und immer mehr Abdankungen finden nur noch im engsten Familienkreis statt. Dennoch gibt es auch heute ein grosses Bedürfnis nach Gemeinschaft und Ritualen, wie die beiden beiden Berner Theologieprofessoren Stefan Huber und Isabelle Noth feststellen.

Ich habe in den letzten Jahren viele Menschen kennengelernt, die konfessionslos aufgewachsen sind und sich trotzdem intensiv mit Religion beschäftigen. 

Pfarrer Erich Huber

Die beiden Professoren meinen, dass die These von der Säkularisierung der Gesellschaft nicht ganz stimmt. Das Bedürfnis nach Transzendenz sei nicht geringer geworden. Wie sehen Sie das?

Das muss man differenziert sehen. Ich habe in den letzten Jahren viele Menschen kennengelernt, die konfessionslos aufgewachsen sind und sich trotzdem intensiv mit Religion beschäftigen. Manche haben zum Glauben gefunden. Diese Entwicklung spiegelt sich in den statistischen Erhebungen nicht wider. In der Religionswissenschaft gibt es heute zwei Lager: die Vertreter der Säkularisierungsthese und die der Individualisierungsthese. Erstere behaupten, die Gesellschaft werde immer säkularer, Religion spiele kaum noch eine Rolle. Die Vertreter der Individualisierung wie die Berner Theologen Stefan Huber und Isabelle Noth betonen, dass viele Menschen eine Sehnsucht nach Transzendenz verspüren, nach Glauben nach etwas Höherem, das
die eigene Schwäche übersteigt und Trost spendet. Aus meiner Erfahrung glaube ich, dass Huber und Noth recht hat.

Aber es gibt doch die Statistiken zum Mitgliederrückgang in den Volkskirchen?

Ja, die Zahlen sprechen für sich, aber sie spiegeln nicht die qualitative und individuelle Entwicklung in den Gemeinden wider. Schauen Sie: In der Schweiz leben heute 8,7 Millionen Menschen. Durch die Zuwanderung, die kaum aus reformierten Ländern kommt, steigt der Anteil der Muslimen, der Orthodoxen und der Agnostiker. Im Verhältnis dazu nimmt der prozentuale Anteil der reformierten Kirchenmitglieder ab, auch wenn der reale Rückgang der Reformierten gar nicht so gross ist. Das verzerrt das Bild.

Die Menschen leben heute ihren Glauben individuell und wollen sich nicht mehr so stark an Institutionen wie eine Volkskirche binden.

Das stimmt, aber das war schon immer so. Schon vor 40 Jahren hat man mir gesagt: «Ich habe meinen Glauben.» Man betete individuell und ging in die Kirche zur Beerdigung, zu Weihnachten oder wenn der Enkel im Gottesdienst auftrat. Der Unterschied ist, dass heute die Kirchenfernen, die mit der Kirche eigentlich sympathisieren, aus der Kirche austreten.

 Erstaunlich ist, dass sich immer noch so viele Menschen finden, die sich in der Kirche engagieren. Gesellschaftlich gesehen ist das fast schon eine Ausnahme. 

Pfarrer Erich Huber

Heute gibt es in der Gesellschaft keine soziale Kontrolle mehr. Niemand muss sich schämen, wenn er der Kirche den Rücken zukehrt …

Das ist richtig. Die Agglomerationen sind anonymer geworden, man kennt sich nicht mehr. Das war früher in den Dörfern anders, vor allem im katholischen Kanton Solothurn. Der Mitgliederschwund betrifft nicht nur die Kirchen, sondern auch die Vereine und die Freiwilligenarbeit. Erstaunlich ist, dass sich immer noch so viele Menschen finden, die sich in der Kirche engagieren. Gesellschaftlich gesehen ist das fast schon eine Ausnahme.

Huber und Noth sehen in der Individualisierung eine Chance für die reformierte Kirche, die mit ihrer Offenheit und Individualität auf den Menschen ausgerichtet ist.

Die reformierte Botschaft ist für die heutige gesellschaftliche Entwicklung wie geschaffen. Seit den Reformatoren Martin Luther und Huldrych Zwingli setzen wir darauf, dass jeder Christ und jede Christin mit dem eigenen Gewissen persönlich vor Gott verantwortlich ist. Diese Botschaft ist 500 Jahre alt und hochaktuell. Wir kommen den Menschen in ihrem Streben nach Individualität und Freiheit entgegen. Freiheit war immer eine Forderung der Reformation.

Salopp gesagt: Wir liegen voll im Trend.
Wir sind vielfältig aufgestellt und haben von Montag bis Sonntag ein breites Angebot.

Pfarrer Erich Huber

Wer sich sozial engagieren will, findet in der reformierten Kirche ebenso eine Heimat wie jemand, der einen Gebetskreis oder eine Innerlichkeit sucht.